Interview mit Dr. Schmitz-Buchholz

Frage: Die Therapie mit Ketamininfusionen ist immer mehr im Kommen. Wie erklärt sich das - schließlich ist das Medikament bereits seit Jahrzehnten bekannt?

Dr. Schmitz-Buchholz: Bisher war Ketamin nur als Narkose- und Schmerzmittel bekannt. Dort findet es auch bereits seit einigen Jahrzehnten häufig seine Anwendung. Die Wirkung bei Patienten mit Depressionen, Burn-Out, Angststörungen oder PTBS spricht sich erst langsam herum.

Frage: Die Wirkung ist ja zum Teil sehr eindrücklich, warum wird das nicht stärker beworben?

Dr. Schmitz-Buchholz: Das erklärt sich schnell, wenn man die geringen Kosten für Ketamin berücksichtigt. Denn die Hersteller können mit dem Medkament kaum Geld verdienen. Der Patentschutz ist lange abgelaufen und es gibt etliche Produzenten für das Medikament. Und da folgt die Werbung leider auch dem Markt: Auch wenn es eine gute Therapie sein kann - die Werbung in Millionenhöhe kommt nur dann, wenn die Hersteller entsprechende Gewinnhoffnungen haben. Dadurch führt das Ketamin eher ein Dasein in einer Nische und profitiert nur von einzelnen Ärzten, die es als Infusionstherapie anbieten und davon, dass sich die Wirkung unter Patienten herumspricht.

Frage: Wie erfolgreich ist die Therapie denn aus Ihrer Sicht?

Dr. Schmitz-Buchholz: Auch die Ketamininfusion ist kein Wundermittel. Aber sie kann als Therapieoption gerade bei Patienten mit langen Jahren einer schweren Krankheit manchmal das einzige sein, was noch hilft. Es gibt immer wieder Patienten, die fast unglaubliche Besserung erfahren. Umgekehrt gibt es aber auch - und das muss man eben auch ganz klar sagen - solche Patienten, die keine oder nur eine kurzfristige Besserung erleben. Ich schätze aus der praktischen Erfahrung heraus, dass etwa 25% der Patientinnen und Patienten in Ketamin eine dauerhaft wirksame Therapie finden und durch regelmäßige Infusionen gut behandelt werden können.

Frage: Die Therapie ist ja insgesamt schon nicht ganz billig. Welche Hoffnungen kann ein Patient ganz konkret haben?

Dr. Schmitz-Buchholz: Wenn die Therapie richtig angewandt wird, dann profitieren etwa 3 von 4 Patienten in irgendeiner Weise bereits von der ersten Infusion. Allerdings muss man da den zeitlichen Faktor berücksichtigen. Nach der ersten Infusion verwindet die Wirkung oft auch wieder nach wenigen Tagen. Aber das ist noch kein entscheidendes Zeichen. Deshalb empfehlen wir auch zumindest 3 Infusionen. Wenn sich dann andeutet, dass die Wirkung sich zu stabilisieren beginnt, sollte man das mit weiteren 3-5 Infusionen verfestigten. Danach gehen wir in die sogenannte Erhaltungstherapie über und behandeln die Patienten nur noch alle paar Wochen mit einer Infusion. Ich schätze, dass es etwa 20-25% der Patienten in eine Erhaltungstherapie "schaffen". Das bedeutet, bei ihnen ist die Wirkung so gut, dass wir diese mit einer Infusion alle paar Wochen aufrecht erhalten können. Allerdings ist das natürlich auch immer abhängig von den Kosten.

Frage: Und die sind für manchen zu hoch?

Dr. Schmitz-Buchholz: Ja, das ist sicherlich so. Wir versuchen, die Therapie so günstig wie möglich anzubieten. Allerdings kann man die Infusion auch nicht auf die leichte Schulter nehmen, sondern muss die Patienten dabei beobachten und braucht auch Ärzte, die erfahren sind im Umgang mit Notfällen. Glücklicherweise ist die Verträglichkeit allgemein sehr gut, aber es kann eben auch zu unerwünschten Wirkungen auf Herz und Kreislauf kommen oder es kann starke Übelkeit, Schwindel oder unangenehme Ängste ausgelöst werden. All das erfordert dann zielgerichtete Behandlung.

Frage: Aktuell gibt es nur wenige Ärzte in Deutschland, die eine Ketamininfusion anbieten. Worauf sollte man als Patient achten?

Dr. Schmitz-Buchholz: Wichtig ist, dass eine Ketamininfusion nicht gleich Ketaminfusion ist - nicht nur von den Kosten her. Um nur ein Beispiel zu nennen: Es gibt zwei verschiedene Arten von Ketamin. International wird oft das sog. Ketamin verwendet, in Deutschland aber auch das Esketamin. Beide Stoffe sind nahezu identisch, aber es scheint so zu sein, dass die Wirkung bei Depressionen usw nicht unbedingt gleich ist. Die Studien, die eine Wirkung zeigen, sind fast alle mit dem Ketamin durchgeführt worden. Wir haben uns auch mit Kollegen aus Australien und den USA ausgetauscht - dort verwendet man eigentlich nur Ketamin.

Frage: Sollten Patienten vorher den Arzt fragen, welches Ketamin er verwendet?

Dr. Schmitz-Buchholz: Zumindest sollte man das im Verlauf ansprechen. Es ist nicht so, dass Esketamin das "schlechtere" Ketamin ist. Aber es gibt Patienten, die entweder auf Ketamin oder Esketamin besser ansprechen. D.h. wenn eine Wirkung der Therapie ausbleibt, sollte man besprechen, ob man von Ketamin auf Esketamin wechselt - oder umgekehrt, je nachdem, was zuerst verwendet wurde. Das kann auch gelten, wenn eine Wirkung nur kurz anhält. In den Fällen sollte man zumindest das jeweils andere Ketamin versuchen. 

Frage: Was ist noch wichtig?

Dr. Schmitz-Buchholz: Patienten sollten in Erfahrung bringen, ob sie auch ein Benzodiazepin bei der Therapie erhalten. Dieses wird oftmals zum Ketamin dazugegeben, wenn es in der Schmerzbehandlung verwendet wird. Allerdings gibt es starke Hinweise aus Studien - und auch unsere eigene Erfahrung besagt, dass eine Gabe von Benzodiazepinen die Wirkung des Ketamin nahezu aufheben kann. D.h. wir geben kein Benzodiazepin und sind der festen Überzeugung, dass das auch nur in Ausnahmefällen getan werden sollte.

Frage: Warum wird es denn überhaupt gegeben?

Dr. Schmitz-Buchholz: Eine Wirkung des Ketamins ist die sogenannte dissoziative Anästhesie. Das heisst, der Patient beginnt, sich unwirklich zu fühlen, ausserhalb seines Körpers oder in einer Parallelwelt. Das kann auch mal unangenehm sein oder Ängste auslösen. Gibt man Benzodiazpine, tritt diese Wirkung nicht auf. Aber es zeigt sich, dass genau diese Wahrnehmung oft auch mit der antidepressiven Wirkung einhergeht. D.h. Patienten, die diese dissoziative Wahrnehmung sehr stark haben, reagieren deutlich besser auch antidepressiv als Patienten, die diese Gefühle nicht wahrnehmen. Daher ist es kontraproduktiv, diese Nebenwirkung durch die Gabe eines Benzodiazepins aufzuheben. Auch hierzu befinden wir uns im Dialog mit Kollegen aus den USA und Australien und stimmen uns ab - auch dort wird in der Regel auf Benzodiazepine verzichtet. Die einzige Ausnahme ist tatsächlich, wenn ein Patient diese dissoziative Wahrnehmung als zu unangenehm oder zu bedrohlich empfindet. Dann kommt das Benzodiazepin ins Spiel, um das zu unterbrechen. Für die nächsten Infusionen muss man dann ggf. darüber reden, die Dosis zu reduzieren und so die Verträglichkeit zu verbessern.

Frage: Viele Patienten mit einer Angststörung nehmen ja auch Benzodiazepine als Dauermedikation. Ist das problematisch?

Dr. Schmitz-Buchholz: Nein. Nach allem was wir aus Studien dazu wissen und in der täglichen Praxis sehen, hat eine Dauermedikation mit Benzodiazepinen keinen Einfluss auf die Wirksamkeit der Ketamininfusion. Glücklicherweise gilt das nahezu für alle Medikamente. Die Patienten können in der Regel die gesamte Dauermedikation weiter einnehmen.

Frage: Sie empfehlen die Einnahme von Vitamin B12 vor einer Ketamintherapie. Was ist der Hintergrund?

Dr. Schmitz-Buchholz: Vitamin B12 ist ein wichtiges Vitamin, das bei vielen Vorgängen des Zellwachstums und der Zellfunktion eine Rolle spielt. Aus Studien wissen wir, dass Patienten mit einem Vitamin B12-Mangel tendenziell eher schlechter auf eine Ketamininfusion ansprechen. Daher empfehlen wir zumindest eine kurzfristige Einnahme ab 10 bis 14 Tage vor einer Infusion. Ausserdem sollte die Patienten keine Vitamin-C-haltigen Lebensmittel unmittelbar vor einer Ketamininfusion einnehmen. Der Hintergrund ist, dass Vitamin C interessanterweise auch am sog. NMDA-Rezeptor wirken kann, genau dort wo auch Ketamin ansetzt. Wir möchten einfach ausschliesßn, dass sich Patienten versehentlich kurz vor einer Infusion mit Vitamin C vollpumpen und Ketamin und Vitamin C dann um den gleichen Rezeptor konkurrieren.

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